Humorloser Charlie Hebdo

Einknicken vor dem Geld

Satirezeitschrift versteht keinen Spaß

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Mit der Meinungsfreiheit innerhalb der Zeitschrift selbst ist es auch nicht soooo weit her, immer wieder ist von Spannungen und Meinungsverschiedenheiten in der Redaktion zu hören. Eigentlich normal, denn es geht ja immer neben moralisch-ethischen Gesichtspunkten auch um den Verkauf sowie um die Abwehr denkbarer juristischer Verfolgungen, ganz abgesehen von Bedrohungen durch irgendwelche Leute, die sich "beleidigt" fühlen könnten. So erfolgte bereits auch ein Brandanschlag 2011, der hohen Schaden anrichtete. Charlie war eine der wenigen Zeitungen, welche die berüchtigten Mohamed-Karikaturen des dänischen Blattes Jyllands-Posten nachgedruckt hatte. Was dahinter steckt, lässt sich hier nachschlagen.

Bemerkenswert ist nun folgender Fall, weil er fragen lässt, wer hier welche Lobby hat und warum aus einem Fliegendreck, einem Nichts, ein Prozess werden kann, andererseits ein Ex-Staatspräsident ungestraft mehr oder weniger "Säuberungen" androhen darf, die im Kern Muslime betreffen, also so eine Art "ethnischer Säuberung".
Der Geschäftsführer von Charlie, Philippe Val, hatte 2008 einen der Redakteure, Siné, rausgeworfen. Der hatte zu einer Gerichtsverhandlung gegen Sarkozy jun., der sich die reiche Darty-Erbin geangelt hatte, geschrieben:
»Jean Sarkozy, würdiger Sohn seines Erzeugers und bereits Conseiller Général der UMP (1), ist fast unter Applaus seinem Strafprozess wegen Fahrerflucht mit seinem Motorroller entronnnen. Das Gericht selbst hat seine Freilassung befürwortet! Dazu ist zu sagen, dass der Beschuldigte Araber ist. Das aber ist nicht alles: Er hat grade erklärt, vor der Eheschließung mit seiner jüdischen Verlobten, Erbin der Gründer von Darty*, zum Judentum konvertieren zu wollen. Er wird seinen Weg machen, der Kleine!«

Denunziation und Glattbügeleien

Ein Herr Askolovitch, Journalist, aus dem Umfeld Sarkozys, der uns hier noch beim Artikel über Dominique Strauss-Kahn begegnet, nimmt Anstoß, denunziert diese "Zeitung", die keine sei und diffamiert sie als "antisemitisch". Das reicht: Die Justiz beginnt zu mahlen, worüber man sich nur wundern kann. Siné wird tatsächlich auf Betreiben der "Internationalen Liga gegen Rassismuns und Antisemitismus" (LICRA) wegen "Anstifung zum Rassenhass" (sic!) vor Gericht gezerrt, wo er schließlich freigesprochen wird. Warum wurde die Klage überhaupt angenommen und nicht als offensichtlich unbegründet verworfen?

Charlie wird böse und straft ab

Geschäftsführer Philippe Val verurteilt den Text in der Zeitschrift und versucht, innerhalb der Redaktion eine von allen unterzeichnete Erklärung gegen Siné zusammenzukriegen, was einige Mitarbeiter verweigern. Siné erfährt davon, findet die Front gegen ihn ekelhaft, und verweigert seine vorbereitete Entschuldigung, wobei auch gleich zu fragen ist, wovon er sich eigentlich entschuldigen wollte? Siné schreibt in der unveröffentlichten Entschuldigung, er habe u.a. »die Faszination der Sarkozys für Kohle« aufs Korn nehmen wollen. Das Fass ist voll, Val wirft ihn aus der Redaktion, wofür er später mit 90.000 € entschädigt wird.
Philippe Val begründet die Härte seines Vorgehens damit, dass ein Prozess seitens der Famillie Darty gegen Charlie Hebdo von einem Mitarbeiter Jean Sarkozys telefonisch angedroht worden sei.

Konvertiten

Siné erklärt, die Gerüchte um eine Konvertierung Jean Sarkozys hätten durchaus einen realen Hintergrund, wobei anzumerken ist, dass eine Satire eben eine Satire ist und überhaupt keines realen Hintergrundes bedarf, und zitiert Patrick Gaubert, Vorsitzenden oben erwähnter LICRA. In "Libération" vom 23. Juni sei zu lesen: »Er merkt an, dass der Sohn Nicolas Sarkozys, Jean, sich grade mit einer Jüdin, Erbin der Begründer von Darty, verlobt hat, und beabsichtigt, sich zum Judentum zu bekehren, um sie zu heiraten.« Und, so sagt er belustigt: »In dieser Familie erinnert man sich doch noch daran, woher man stammt.«
Dies in Anspielung auf die Mutter Nicolas Sarkozys, Nachkommin einer sephardischen Juweliersfamilie aus Thessaloniki. Die einst große Gemeinde der Stadt entstand 1492 durch frommen christlichen Brauch, der Inquisition, und Vertreibung unter Ferdinand und Isabella. Viele Juden flüchteten sich damals nach Thessaloniki und Antwerpen, das ja auch Zentrum des Edelsteinhandels ist.
Der Einstieg der Familie Rothschild bei Libération / Charlie Hebdo nun dürfte den Satirespielraum nicht unbedingt in alle Richtungen erweitern können.

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1) rechtskonservative Partei, deren Mitglied Sarkozy ist